Zum Lernen verurteilt
Da die Phase der Globalisierungskritik irgendwann überwunden sein wird, kann man von einer Kinderkrankheit sprechen. Dieser Begriff zeigt übrigens eine erbauliche Perspektive auf: Einerseits weist er auf eine unvermeidliche, legitime Reaktion auf eine unvermeidliche Irritation hin, andererseits ordnet er sie in eine Biografie ein. Wie unser Immunsystem zum Lernen durch die Umwelt verdammt ist, so ist auch unser Denken zum Lernen durch das Reale verurteilt. Das ist Evolution. Man kann nur vorwärts, nicht rückwärts leben.
(Sloterdijk im Tagi von heute)
Ferien für alle! - heute 19:15 im Xenix
Gestern beim gemeinsamen Nachtessen mit Stefan und Staschia, redeten wir auch über den
heutigen Filmabend Ferien für alle! im Xenix (Reihe: Erlebte Schweiz):
Für uns sind Ferien normal. Beinahe alltäglich. Kaum zu glauben, dass früher viele Menschen das Meer nie zu Gesicht bekamen. Noch vor wenigen Jahrzehnten waren Urlaub und Reisen ein Privileg von wenigen. Luxus. Unerschwinglich. Wann änderte sich dies? Wie kam es zur Forderung «Ferien für alle!»? Welche Bedeutung ist dem Umstand beizumessen, dass Urlaub und Reisen nach und nach zum Allgemeingut wurden?
Gregor Dill vom Schweizerischen Bundesarchiv unterhält sich über diese und andere Fragen mit den beiden HistorikerInnen Beatrice Schumacher und Patrick Benoit, die sich wissenschaftlich mit der Feriengeschichte beschäftigen.
Dabei erinnerten wir uns auch gern ans
Deleuzsche Abécédaire, besser gesagt an die
Deauville-Passage in Enfance. Hier die englische Übersetzung (eine Art Nacherzählung):
Deleuze recalls that when the Germans arrived, invading from Belgium, he was in Deauville (in Normandy, where his family spent summers), so he was put in high school for a year there. He recalls how an image from Deauville illustrates the immense social change of the Popular Front. With the introduction of paid vacations, people who never traveled could go to the beach and see the sea for the first time. Deleuze recalls the vision of a young girl from the Limousin standing for five hours in rapt attention before the extraordinary spectacle of the sea. And this had been a private beach, for the bourgeois property owners. He also recalls the class hatred translated by a sentence pronounced by his mother -- "hélas" (alas), says Deleuze -- about the impossibility of frequenting beaches where people "like that" would be coming. For the bourgeois like his parents, giving vacations to the workers was the loss of privilege as well as the loss of territory, even worse than the Germans occupying the beaches with their tanks.
Mehr zur Reihe Erlebte Schweiz (PDF 1MB)
Résonances oder auf zur nächsten Etappe in der Pro Helvetia Debatte
Er sprach zu viel Schockierendes aus, zu viele Bosheiten, erwarb mit sakrilegischen Einfällen eine zu grosse Berühmtheit, um nicht mächtige Feinde zu haben. Banker und Waffenproduzenten pflegen gemeinhin hohe Moralvorstellungen und mögen es nicht, wenn ihr persönlicher oder der nationale Ruf angetastet wird. Und sie haben für Nestbeschmutzer nicht viel übrig.
Aus der gestrigen NZZ, Literatur und Kunst
Es nähme mich Wunder, ob diese Person durch Pro Helvetia gefördert wurde, was die Mehrheit des Ständerats zu dieser Person gesagt hätte und was sie heute dazu sagt?
Im Weiteren scheint Hirschhorn nun nicht mehr wichtig zu sein, vielmehr steht jetzt Yvette Jaggi (so bei Felix E. Müller, NZZ am Sonntag) oder vielleicht auch die ganze Pro Helvetia (so bei Max Frenkel, NZZ am Sonntag) zur Debatte.
Heute nachmittag, 16 Uhr 30, lädt übrigens das Luzernertheater zum Gespräch ein:
Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit
Podiumsdiskussion zur Budgetkürzung der Pro Helvetia anlässlich der Hirschhorn-Debatte
Subventionierte Kunstfreiheit oder Staatskunst?
... à suivre
Im heutigen Zischtigsklub* wurde nach der durch den Ständerat erneut bekräftigten Kürzung der Pro Helvetia von 1 Million über Kunst, Freiheit, Geld, Demokratie, Populismus diskutiert.
Die Fronten scheinen unüberbrückbar.
Auf der einen Seite steht der Anspruch Kunst staatlich zu fördern, auch wenn sie nicht mehrheitsfähig ist. Dies einerseits aus der historischen Erfahrung heraus, dass frühere, nicht mehrheitsfähige Künstler heute überwiegend als wichtige Künstler geschätzt werden und andererseits in der Betonung der Unabhängigkeit der Künstler – eines der kostbaren Güter einer liberalen Demokratie.
Auf der Gegenseite eine grundsätzliche Abneigung gegenüber Pro Helvetia, und wie sie ihr Geld ausgibt. Weiter wurde ein klarer Wille bekundet Kunst durch die Pro Helvetia gefördert zu wissen, die mehrheitsfähig ist.
*
Pro und Contra Helvetia: Wie frei sind staatlich geförderte Künstler?
Es diskutierten unter der Leitung von Ueli Heiniger (von oben links nach unten rechts):
- Peter Bieri, Ständerat CVP/ZG, Landwirtschaftslehrer
(stellte den Kürzungsantrag im Ständerat)
- Madeleine Schuppli, Direktorin Kunstmuseum Thun, Stiftungsrätin Pro Helvetia
- Theophil Pfister, Nationalrat SVP/SG, Informatiker, Präsident der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur, Mitglied der Finanzkommission
- Pius Knüsel, Direktor Pro Helvetia
- Patrick Frey, Schauspieler, Verleger, Autor, Kunstkritiker
Frankreich contra England. Deutschland. Und die USA
Heute ist Wahltag.
Kilian (und hoffentlich auch Zita und Oliver) bloggt, die
Weltwoche bloggt, Joschka joggt und
Dave...
Während also alle Welt über den grossen Teich guckt, habe ich eine interessante Buchbesprechung von Herfried Münkler im NZZ Feuilleton gelesen. Es geht ums Buch von Timothy Garton Ash:
Freie Welt. Europa, Amerika und die Chance der Krise*. Die Besprechung hält einige interessante Denkansätze für die Tage nach der Wahl parat. Hier einige Zitate.
Für Timothy Garton Ash ist die europäische Geschichte der letzten tausend Jahre durch den Gegensatz, zumeist sogar die Feindschaft zwischen Frankreich und England geprägt. [...] Frankreich contra England ist, wie sich gerade in jüngster Zeit wieder gezeigt hat, das eigentliche Problem Europas. [...]
Wie sich die Aversion der Engländer auf ganz Europa ausgeweitet hat, so hat sich die Aversion der Franzosen gegen England inzwischen auf Amerika übertragen. [...]
Für Garton Ash definiert der englisch-französische Gegensatz die Rolle Deutschlands in Europa: Es hat die Position des Ausgleichenden und Balancierenden zu spielen. Gäbe es weltpolitisch nur Europa, so wäre dies für Deutschland eine hochattraktive Position, und es würde das Machtzentrum des Kontinents bilden. Da im Hintergrund aber stets die USA präsent sind, ist es tatsächlich eine prekäre und eher unangenehme Position: Man sitzt in ihr ständig zwischen den Stühlen [...]
Und die USA? [...] Die zentrale Bedeutung, die Europa während des Kalten Krieges für die USA besass, wird es nie mehr haben. Vor allem in wirtschaftlicher, aber auch in politischer Hinsicht wird der pazifische Raum für die USA an Bedeutung gewinnen.
* : Interessanterweise habe ich die englische Version des Buches nicht gefunden. Oder handelt es sich etwa um dieses
Buch, das auf englisch noch gar nicht erschienen ist?
PS:
Technorati experiment. I cannot vote, but
I oppose Bush